Die verwaiste Krone – von der Sehnsucht nach dem Du

 

Ich habe gesucht, ohne zu wissen, wonach. Ich habe geweint, ohne zu wissen, warum.

Heute weiss ich, meine Suche galt dir, und geweint habe ich um dich.

 

Vor sehr langer Zeit stiess ich in einer dunklen Höhle auf eine goldene Krone. Fasziniert von ihrer Strahlkraft hob ich sie auf. Ich probierte sie vorsichtig an, doch sie passte nicht. Sie war mir zu gross und zu schwer. Eine unbeschreibliche Trauer stieg in mir hoch, gefolgt von einer tiefen Sehnsucht - einer Sehnsucht nach demjenigen, dem diese Krone gehört.

 

Dem einen und andern bin ich begegnet, dem sie zu passen schien. Ich habe sie ihm freudig aufgesetzt und war verzaubert von dem Anblick, von tiefem Glück erfüllt.

 

Doch dieses Glück hielt nie ewig. Denn auch wenn einer diese Krone gut zu tragen vermochte, so stellte er sich schliesslich doch nicht als der wahre Besitzer heraus.

 

So landete ich immer mal wieder in dieser dunklen Höhle – alleine mit dieser unbeschreiblichen Trauer, dieser Krone in der Hand und der tiefen Sehnsucht nach ihrem Besitzer - nach dir.

 

Lange Jahre hatte ich keine Ahnung davon, wer du in Wahrheit bist und dass ich dich unmöglich je im Aussen finden könnte...

 

Doch irgendwann begriff ich, dass ich in dieser Höhle suchen musste. Und so wagte ich mich schliesslich immer tiefer in sie hinab, stellte mich meinem Schmerz, meiner Trauer und meiner Sehnsucht...

 

Und dann, in den Tiefen dieser Höhle, warst du plötzlich da... du... - was habe ich geweint...

 

Ich glaubte, du hättest mich alleine gelassen, das Versprechen gebrochen. Doch ich hatte mich geirrt. Du warst stets an meiner Seite. Blind und taub durch meinen Schmerz konnte ich dich nicht wahrnehmen. Alles, was mir noch von dir geblieben schien, war diese Krone.

 

Du hast sie aufgehoben und sie erst dir und dann mir selbst aufgesetzt. Zu meinem Erstaunen passte sie mir nun wie angegossen. Ich war zutiefst berührt und alles ergab plötzlich Sinn.

 

Du hattest sie einst für mich dagelassen, damit ich sie trage – für dich und für mich – in Würde für uns beide.

 

Danke, dass du bei mir bist und mich immer wieder daran erinnerst.

 

In Liebe und Verbundenheit, für Odin

Frau und Mann im Mondlicht am Wasser, Bild zu Blog-Artikel die verwaiste krone - von der sehnsucht nach dem du, der verlorene zwilling, ur-trauma

Unabhängig des jeweiligen Themas dürfen wir bei Systemischen Aufstellungen immer wieder erfahren, dass die Lösung/die Liebe nie im Aussen liegt, sondern immer im eigenen Innern zu finden ist. Die Ursachen für Schwierigkeiten in Partnerschaften sind sehr vielfältig (meist auch mehrschichtig) und müssen so auch von Fall zu Fall individuell betrachtet werden. Doch relativ häufig verbirgt sich auf dem Grunde eines unerlösten Beziehungsthemas ein bislang unbewusstes Ur-Trauma – das des verlorenen Zwillings. Darunter versteht man den Verlust des Zwillinggeschwisters in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft. Dieser vorgeburtliche Verlust löst einen immensen Schmerz und Gefühle der Ohnmacht aus, gefolgt von Trauer und Sehnsucht. Spätere Trennungen von Beziehungspartnern können diesen ursprünglichen Schmerz immer wieder neu aktivieren. Typisch für dieses vorgeburtliche Trauma ist oft auch eine ambivalente Einstellung zu partnerschaftlicher Nähe. Einerseits besteht eine grosse Sehnsucht nach tiefer Verbundenheit und andererseits ein übersteigertes Unabhängigkeitsbedürfnis. Dadurch ergibt sich eine Tendenz zu Fern-, Dreiecks- und sogenannten On-/Off-Beziehungen, zu symbiotischen Beziehungen in Co-Abhängigkeit, sowie auch zu unerreichbaren Partnern.

 

Wer im Mutterleib Gesellschaft hatte, hat seine ersten Erfahrungen in Bezug auf liebevolle Beziehungen bereits dort erlebt. Dies hat eine stark prägende Wirkung auf seine Vorstellung davon, wie sich eine Beziehung anfühlen soll. Das früh erlebte und tief gespeicherte Gefühl vom absoluten Einssein mit einem anderen Menschen wird so später zum Gradmesser von emotionaler Verbundenheit in Beziehungen. Unbewusst verbirgt sich dahinter die Sehnsucht nach dem verlorenen Zwilling, den aber kein Du ersetzen kann.

 

Das Aufdecken dieses frühen Traumas wird meist als sehr klärend und erleichternd empfunden, jedoch beginnt damit auch ein herausfordernder Prozess der Aufarbeitung, bei dem es sich Schritt für Schritt von alten Vorstellungen, Projektionen und unerlösten Verhaltensweisen zu verabschieden gilt.

 

Der (bloss auf physischer Ebene verlorene) Zwilling stellt dabei eine grosse Hilfe dar. Sich (wieder) mit ihm zu verbinden und so sowohl diese ersehnte, tiefe Verbundenheit, wie auch die eigene Ganzheit neu erleben zu können, ist ein riesiges Geschenk mit enorm befreiender und heilsamer Wirkung – sowohl für einen selbst, wie auch in Bezug auf Partnerschaften.

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